Archiv für Januar 2009
Liebes-Folgen
Leben retten. Oder: Gendateien bringen noch gar nichts gegen VerbrechenDas Kinn auf die Keramik des Waschbeckens gelegt,
den Blick auf das Blut, wie es im lauwarmen Teich
über dem Stöpsel unter Wasser aus dem Zeigefinger flockt,
aus dem seine Liebe mir, als sein Verstand verzweifelte,
ein Stück hinausriss.
Gerade noch die Kotze seiner besten Freundin
aus dem Klo geschrubbt,
kniee ich, in einem tiefen Frieden am Waschbeckenrand aufgehangen.
Kein Gedanke interessiert sich noch dafür, wie wir uns in dieser Nacht das Bett teilen werden. ich werde mich hineinlegen, ohne Interesse, in Frieden. [17.01.2005 11:47]
Paris
Bleib unberührbar.Es ist Mittwoch. Es ist kurz vor acht Uhr morgens. Es ist eine kurze Geschichte: Du verlässt das Land. Nach Paris gehst Du jetzt. Du schaust zurück ins Schlafzimmer. Ich habe zu wenig Geld um Dir folgen zu können. Genug Verständnis, um Dich gehen zu lassen. Zu wenig Kompetenz, um Dich zu unterstützen, bei dem was Du vor hast. Zu wenig … um mich von Dir zu lösen. Könnte ich doch wieder einschlafen. Doch ich vermisse Dich bereits. Schon als du im Bad Deine Klamotten aus der Maschine ziehst, während mein Schädel noch im Kopfkissen liegt. ‘Aber ich bin doch noch da.“ Im nächsten Moment schaue ich zu, wie Du den Armani glatt streichst. Dann höre ich das Zischen Deines Duftzerstäubers – Feigenduft. Noch einmal bist Du überall – im Bad, im Flur, im Schlafzimmer, doch überall rastlos. Im Vorbeigehen atme ich Dich ein, gieße uns Kaffee auf – türkische Art, wie fast jeden Tag. Ich weiß das Du ihn nicht anrühren wirst und trotzdem streue ich Dir Kakao in den Deinen und stelle beide Becher an die Bettkante. Du wirst für mich unberührbar sein, in Paris, der Stadt der … Du fragst mich, ob ich jemals große Liebe in Paris erfahren hätte. Ich denke nach und habe Lust zu lügen, antworte, aber sage die Wahrheit und Du sagst „Siehste. Also mach Dir keine Gedanken.“ Meine Fantasie will gerade nicht vertrauen. Will denken und phantasieren. Also mache ich mir Gedanken. Nenne Dich „karrieregeiler Wichser“ und stehe, mich unnütz fühlend, verschlafen im Flur. Sehe zu, wie Du die Wäsche in Deine Gepäcktasche legst. Sie ist noch nass. Ich liebe das an Dir. Und für Deine Körpertemperatur, fällt mir ein, liebe ich Dich noch viel mehr. Und weil Du so verliebt in mich bist. Bis zur Verzweiflung. Bis wir uns glaubten das wir uns lieben, haben wir uns sehr weh getan. Und jetzt musst Du gehen. Weil Du es so wolltest. Das Du Dich darüber freust, macht es mir nicht leichter, in Deinem Gesicht etwas zu finden, dass meinem Gefühl zu diesem Abschied ähnlich sieht. Ich fürchte noch die Einsamkeit, die solche Lücken füllt. Ich suche nach einer Idee, einem Bild von mir, wie ich die kommenden Stunden, die Tage statt mit Einsamkeit mit Glücklichsein füllen werde, während die Kälte des Flurs augenblicklich in meine Füße steigt. Fakt ist, es gibt nichts, das Dich gerade ersetzen könnte. Nicht einmal meine Müdigkeit hilft mir dabei. [26.01.2005 11:27]
Oralverkehr
Durch den Mund trat die Welt auf sehr viel intimere Weise als durch Augen und Hände in mich ein. [S.d.Beauvior]Es bläst der Qualm aus dem Mund über die LCD-Anzeige des Laptops, verliert sich in der Strahlenflut. Wiederholungen, bis die Zigarette auf den Filter hinuntergeglüht ist.
Es ist Donnerstag. Eine Grauzone schiebt sich matt über Netzhaut und Stadt. Tango im Flur und der Magen brennt vom Instant-Kaffee. Das Bett ist abgekühlt, Du im Büro und die Hochschule der Wissenschaften durchfärbt mein Gewissen. Die leichte Aufgabe mich zu füttern, die Instandhaltung des Betriebssystems, den Hunger nach weiterem Leben zu stillen, scheitert geduldig, während die Finger eine Tanz-Silhouette auf der Tastatur probieren. Eine Hommage an die Druckempfindlichkeit Deiner Haut oder meiner Finger Bühne. Das Schreiben der Worte ist nichts als eine Probe, eine erinnerungswürdige Choreographie zwischen Rippenknochen und Wirbeln, zwischen Zehen und Lippen.
Ich täte mit der Zunge schreiben, fühlte ich nicht die Wahrheit in den Fingerspitzen.
Des ewig Wachen Augenbrand flüstert knisternd am Rande meiner Lider. Glück nistet in meinen Wimpern. Ein Wiedersehen mit der tapferen Welt die wir verloren haben. Seit drei Tagen befinden wir uns in ihr, gleich wo wir sind.
Wir können uns drehen und wenden ohne Verletzungen, denn die Gefahr ist nun kleiner als ihr All, durch das sie uns bewegt. Die Gefahr ist unsere Geschichte, ist die Dunkelheit, die von unseren Abenteuern durchbrochen wird. Wir ziehen hin und wir ziehen her, verzerren uns im Versuch dabei gleichzeitig überall und alles füreinander zu sein.
Ich weiß, dass man so einen Tag, solche Tage genießen muss, bevor er und sie in Augenblicke zerfällt, zerfallen, die sich niemals im Ganzen im gesponnenen Netz der Erinnerung niederschlagen. Niederschlag ist tropfenbildend und jeder Tropfen ist ausgerichtet zu suchen, nach einem Ereignis, in das er eintaucht, für immer.
Genuss ist nur ein kruzes Fragment, ein Teil einer Kette, auf deren Faden wir mit Nadeln Apfelkerne ziehen, um sie uns umzubinden – Apfelkernketten machen geduldig und mutig – man erinnere sich an die Wirkung der Bernsteinketten bei kleinen Kindern. Denn wenn wir unseren Frieden gefunden haben, wird um unsere Hälser ein Kraut wachsen, dass jetzt noch schläft, tief in jedem Kern, vor Feuchtigkeit geschützt.
Ich liebe uns. In jeder kurzen Geschichte.
[17.03.2005 11:50 ]