Oralverkehr
Durch den Mund trat die Welt auf sehr viel intimere Weise als durch Augen und Hände in mich ein. [S.d.Beauvior]Es bläst der Qualm aus dem Mund über die LCD-Anzeige des Laptops, verliert sich in der Strahlenflut. Wiederholungen, bis die Zigarette auf den Filter hinuntergeglüht ist.
Es ist Donnerstag. Eine Grauzone schiebt sich matt über Netzhaut und Stadt. Tango im Flur und der Magen brennt vom Instant-Kaffee. Das Bett ist abgekühlt, Du im Büro und die Hochschule der Wissenschaften durchfärbt mein Gewissen. Die leichte Aufgabe mich zu füttern, die Instandhaltung des Betriebssystems, den Hunger nach weiterem Leben zu stillen, scheitert geduldig, während die Finger eine Tanz-Silhouette auf der Tastatur probieren. Eine Hommage an die Druckempfindlichkeit Deiner Haut oder meiner Finger Bühne. Das Schreiben der Worte ist nichts als eine Probe, eine erinnerungswürdige Choreographie zwischen Rippenknochen und Wirbeln, zwischen Zehen und Lippen.
Ich täte mit der Zunge schreiben, fühlte ich nicht die Wahrheit in den Fingerspitzen.
Des ewig Wachen Augenbrand flüstert knisternd am Rande meiner Lider. Glück nistet in meinen Wimpern. Ein Wiedersehen mit der tapferen Welt die wir verloren haben. Seit drei Tagen befinden wir uns in ihr, gleich wo wir sind.
Wir können uns drehen und wenden ohne Verletzungen, denn die Gefahr ist nun kleiner als ihr All, durch das sie uns bewegt. Die Gefahr ist unsere Geschichte, ist die Dunkelheit, die von unseren Abenteuern durchbrochen wird. Wir ziehen hin und wir ziehen her, verzerren uns im Versuch dabei gleichzeitig überall und alles füreinander zu sein.
Ich weiß, dass man so einen Tag, solche Tage genießen muss, bevor er und sie in Augenblicke zerfällt, zerfallen, die sich niemals im Ganzen im gesponnenen Netz der Erinnerung niederschlagen. Niederschlag ist tropfenbildend und jeder Tropfen ist ausgerichtet zu suchen, nach einem Ereignis, in das er eintaucht, für immer.
Genuss ist nur ein kruzes Fragment, ein Teil einer Kette, auf deren Faden wir mit Nadeln Apfelkerne ziehen, um sie uns umzubinden – Apfelkernketten machen geduldig und mutig – man erinnere sich an die Wirkung der Bernsteinketten bei kleinen Kindern. Denn wenn wir unseren Frieden gefunden haben, wird um unsere Hälser ein Kraut wachsen, dass jetzt noch schläft, tief in jedem Kern, vor Feuchtigkeit geschützt.
Ich liebe uns. In jeder kurzen Geschichte.
[17.03.2005 11:50 ]