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Feiglinge denken zuerst an sich
… wir klingen lächerlich, wenn wir über die Liebe schreiben, vergleicht man die Liebe nur einmal mit unseren Worten, Gedanken und dem was wir glauben was sie sein soll – wir wünschten so oft viel mehr als das was wir bekommen. Mehr als das was wir selber geben. Weil wir schreckliche Angst haben zu verlieren. Lieben kann man einen Feigling. Aber Feiglinge können nicht lieben.
Ich habe mein Leben nach Liebe, nach großer Liebe, verbindlicher Liebe gesucht, und mein Leben und meine Partnerschaften versucht, gleich wie sie waren zu lieben, verbindlich, treu und mit meinem Herzen – glücklicher Weise ist mein Leben vermutlich noch lange nicht zu Ende. Denn die Suche war – wie auch meine Liebe – erfolglos, eine lange Zeit war sie ohne Erfolg – bis auf die große Liebe fand ich zuvor nur Illusionen, die ich alle für die große Liebe hielt – weil ich dachte, glaubte und nicht schaute, beobachtete – mich, meine Bedürfnisse aber vor allem schaute ich nicht, woher sie kamen, meine Bedürfnisse. Ich versuchte sie nur zu erkennen statt sie auch zu verstehen.
Liebe fand ich erst, nachdem Liebe mich enttäuscht, mich schrecklich desillusioniert hatte, mich unvorhergesehen befreit hatte von dem was ich dachte was Liebe sei, glaubte was Liebe sei, weil ich dachte hinzusehen und zu erkennen was Liebe sei, zu verstehen worum es ginge in der Liebe, in der Partnerschaft, worauf es ankäme in der Liebe und in der Partnerschaft – auf Liebe und das wer liebe, immer Recht habe – das führte in der Partnerschaft aber zu keiner Lösung, also liebte ich noch mehr um mein Recht nicht zu verlieren, trotz aller Probleme. In Wahrheit wollte ich nur die Befriedigung meiner Bedürfnisse. In Wahrheit. Erst später lernte ich lieben.
Meine Ungenauigkeit zu lieben, mich zu sehen, die Partnerschaft zu sehen, ihre Entwicklung, meine Entwicklung, meine Bedürfnisse, meine Wünsche, meine Sehnsüchte nach Erfüllung und alle der Egoismus führte dazu, dass ich Sehen lernte, als mir eines Tages alles das was ich große Liebe nannte, darum in die Fresse sprang, mit der Faust vorne weg – als ich mal wieder glaubte im Recht zu sein, es aber keinesfalls war, weil es um Recht nicht ging, vielmehr um Verstehen, Erfassen – das Gegenüber und seine Vorstellungen von Liebe, seine Bedürfnisse, Illusionen. Schier unfähig war ich, das irgendwie zu begreifen. Schier unfähig von mir zu lassen um mich einzulassen auf das Gegenüber.
Seither sehe ich nicht mehr nur mit dem Auge, sehe ich mich nicht mehr nur im Spiegel. Seither sehe ich wie ich wirke, wie meine Bedürfnisse wirken auf das was ich denke, was ich sage und wie ich mich spiegele in meinem Gegenüber – was ich bekomme, ist exakt das, was ich gebe.
Ich sehe zudem seither die Bedürfnisse anderer, in ihren Worten, die Sehnsüchte anderer, in ihren Worten, ihrem Verhalten. Ich sehe mich in jedem Gespräch, sehe mich in dem was man mir erzählt, mir anvertraut, zutraut, sehe mich in jeder Aufgabe die ich für irgendwen erledigen soll. Desto mehr Wünsche man mir gegenüber äußert, desto größer erscheinen mir die meinen. Desto größer die Erwartungen die an mich herangetragen werden, desto mehr fürchte ich die meinen. Alles eine Frage der Einstellung.
Ich sehe was wir bereit sind und was wir in der Lage sind zu geben und wie wir uns alle dabei gleichen und wie oft viele von uns sich abmühen und immerzu zählen wie viel eingenommen oder ausgegeben wurde, beim Lieben. Wir denken auffällig oft an den Gewinn, nicht an die Investition oder noch besser: an die Notwendigkeit und in den seltensten Fällen besitzen wir, was wir wirklich brauchen für eine Partnerschaft, was wir brauchen um zu lieben, um zu geben: Vertrauen. Oder Courage ehrlich zu sein und auszusprechen was wir brauchen. Desto stolzer wir tun, desto lächerlicher werden wir – dann immer sind wir Feiglinge. Und geben vor etwas ganz anderes zu sein – und haben wieder nur Angst zu verlieren was wir sowieso niemals besitzen.
Ich habe erst jetzt begriffen, wie wenig wir bereit sind zu geben und wie viel wir im Gegensatz dazu geben könnten und es aus Gleichgültigkeit, von der wir meinen befreit zu sein, nicht tuen. Ich habe erst jetzt begriffen, nach wie viel wir suchen und wie viel mehr uns stattdessen zur Verfügung stünde – jedem von uns. Doch wir sind schrecklich ungenau im Hinschauen, im Beobachten.
Erst jetzt, nach einer Reise, die mich durch Beziehungen, Abenteuer führte, in Affären stürzte, durch Wunschträume und in die Erfüllung dergleichen, begreife ich die Ahnung, die wie Atem in kalter Luft vor mir aufsteigt, sichtbar wird. Ich begreife meine Egozentrik, ich begreife meine Sehnsucht nach Anerkennung, meine Selbstzweifel, meinen Stolz, die sucht nach Verstandensein, die Angst vor Einsamkeit, vor dem Sterben und meine Geschwindigkeit irgendwo irgendetwas zu erreichen, irgendwo irgendetwas auffinden zu wollen, irgendwovor geflüchtet zu sein – vor mir, mein Leben dafür geopfert zu haben – bis zu diesem Zeitpunkt. Alles wird anders.
Dasein ist schöner als Ankommen. Schöner als unterwegs zu sein, schöner als Wünsche zu haben und für die Zukunft zu leben, sich auf die Zukunft zu freuen, schöner als nur für das zu leben was kommt. Dasein ist, was mich lehrt angekommen zu sein und lieben zu können – mich selbst und alle anderen. Es ist nur eine Entscheidung entfernt gewesen.
Beweis einer Liebe
Um mich herum eine unerschöpfliche Zahl von Bewunderern und Lastenträgern des Lebens, der Eitelkeiten, des Stolzes und derer Menschen die ihre Wunschträume vom idealen Partner wie Zimtsternchen reproduzieren, außerdem ein paar liebenswürdige doch multiple Gestalten die versucht sind zu lieben und ein Schatz, der zu bergen sich lohnte, mehr oder minder treu an meiner Seite. Das sehe ich, wenn ich um mich schaue …
… dann denke ich, den idealen Partner gibt es eigentlich ausschließlich nur in der persönlich subjektiven Momentaufnahme, ansonsten im Theaterschauspiel oder in Hollywood-Filmen und im richtigen Blickwinkel der Betrachtung gibt es ihn auch. Ideale erkennt man nicht mit dem Auge. Das Ideal ist etwas abstraktes, sich ihm zu nähern erfordert Charakter. Menschen sind alles andere als Ideale – das zu verstehen erfordert Verstand. Schönheitsideale altern und verändern sich, sind erstrebenswerte Zustände für manche, für andere nicht. Um auch das Stroh das einen umgibt in Feuer zu verwandeln, auf das es zum Himmel auffliegt, bedarf es Intellekt und manchmal ein Vermögen an Geduld.
Der verständnislose Rest von uns verliert sich in Geduldlosigkeit, in Sebstbetrug und/ oder den Folgen der Ent-täuschungen, der Desillusionen die uns das persönliche Schicksal vermacht. Leider gibt es keine ausführliche Reisekarte, die uns vor Orientierungslosigkeit durch die Einkehr der Wahrheit bewahrt, wenn wir aus Nachlässigkeit in ihr irren.
Schon Friedrich Hölderlin schrieb in seinen Briefen, dass er die Götter, die unübertrefflichen, täglich neu rufen müsse. Über das Ideal ließe sich schreiben, was Franziska Gräfin zu Reventlow in ihrem Essay „Das Männerphantom der Frau“ einmal über eben jenes Phantom formulierte: Es läßt sich das weder generalisieren noch spezialisieren, das eine wäre zu oberflächlich und das andere zu schwierig oder, richtiger gesagt, einfach unmöglich. So weit zum Ideal, zur Verblendung und zum Menschen.
Junge Menschen wie das mir zuteil gewordene Exemplar, neigen lediglich aus Unerfahrenheit zu Misstrauen, wo sie unfähig sind Vertrauen zu bilden, und zu innerer Zerrissenheit, die sich teils nach außen hin wiederspiegelt. Was alles ist gerade Ihnen ein Beweis für den Mangel an Liebe?! Und welche Anstrengung ist es für diejenigen, die die Liebe schon lange nicht mehr beweisen mögen, geschweige denn müssen.
Niemand ist fertig mit dem Leben das er lebt, bevor er daran nicht krepiert. Die vorher krepieren, krepieren an gesellschaftlichen Konventionen oder der Intensität persönlicher Freiheiten, die sie verglühen lassen, in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse – erstrebenswerte Zustände vielleicht. Es gibt viele Gründe zu sterben (und noch mehr Gründe wenigstens einmal zu leben). Es kommt wohl auch darauf an, welche Lebensmittel welche Anwendung finden. Leben ist Risiko, da nichts bleibt wie es ist – lässt man sich nur einmal darauf ein wird man es nicht mehr los (bis man daran krepiert).
Zwischen uns, dem Schatz, dem gehobenen und mir, liegen ein paar Jahre. Das verursacht mitunter die beziehungslästigen Stunden oder Tage, manchmal Wochen, wenn begehbare Brücken an dieser Stelle fehlen oder wenn mir die Jugendlichkeit, die sich ausdrückt in ihrer Beziehungsunerfahrenheit, zuwider wird, weil meine Geduld sie nicht erträgt und mein Verstand sie nicht versteht, Sturm und Drang meinen Friede und die Ruhe zerstören oder die Formlosigkeit meine Fassung zerbeult.
Überall taucht Angst und Zweifel auf, aufgrund der geistig skizzierten Untreueszenarien im Kopf meines Gegenübers. Angst um Verlust. Angst, dass das Leben ein anderes Drehbuch schreibt, der persönliche Plot nicht mit dem Schicksal sympathisiert. Dann werde ich gebeten Stellung zu nehmen.
Doch was, wenn Liebe keine Forderungen stellt? Ich will bedingungslos lieben, irgendwann, vielleicht ab morgen schon. Wir erinnern uns gegenseitig, doch selten daran, an die Liebe, die bedingungslose. Im Grunde weiß doch kein Mensch, wo die Untreue beginnt, ob im Kopf oder auf der Straße. Und doch kehrt Angst in die Leere der Einsamkeit in uns, sobald ein mancher an sie denkt. Besessen von Angst mögen manche erblinden. Klarheit tritt ein, wo der Glauben an die Vernunft überwiegt.
Ein wenig Zärtlichkeit beschwichtigt ihre noch unermüdlichen Ängste (der Jungen) gegenüber den Vergänglichkeiten im Leben. Glücklicherweise habe auch ich Schwächen, enorme. Also bin auch ich gewöhnlich. Erst recht liebe ich darum Menschen die anders sind – für Momente stärker scheinen als man selbst, aufrichtiger, charakterfester, zielstrebiger und weniger selbstgerecht und -verliebt. Manchmal liebe ich mich selbst. Das macht einen zum Menschen – das nicht scheren um andere. Man muss sich dazu nur die Welt anschauen und die Gänze der Menschheit die auf ihr lebt.
Ich hielt vor Kurzem das junge Leben an meiner Seite für unerträglich, dessen grelle Blüte zu süß und seine Gestalt in seinen unbestimmten Formen für zu unreif, seine Einsamkeit um so vieles größer als die meine und seine, in manchen Momenten unseres Zusammenseins einsetzende Oberflächlichkeit für unbegründet (und verurteilte sie). Doch weder fühle ich mich im goldenen Käfig, noch ist dies ein Brief aus dem Gefängnis.
Was ich nicht sah, ist der Prozess in dem es sich befindet, die heranwachsende Reife des Lebens in dieser Figur, diese unendliche Weisheit und der Kampf des blutjungen Verstandes, ihr im dunklen Moment zu folgen – die selbstverständliche Suche nach dem Platz in der Welt.
Ich musste feststellen, dass es nichts gibt, dass nicht einer Verbesserung unterzogen wird und dass das Leben selbst alles ausbessert wo Zeit vorhanden ist. Praktisch brauche ich dafür nichts tun. Bestenfalls beobachten. Und da niemand alles verbessern können wird, lohnt es wenig, die Welt im Ganzen ändern zu wollen. Man verliert sich und vergisst sich darüber selbst. Ist Ruhe die erste Bürgerpflicht für die die lieben wollen?

