Archiv für die Kategorie ‘Individualität’
Kulturlos
Zerloddert erscheint mir mein Gewissen, das innere Treiben beobachtend, natürlich auch das äußere Geschehnis oder besser: die unzähligen, unzählbaren Geschehnisse. Zerloddert vom Kampf gegen die Kultur dort draußen, hier im Westen, in der westlichen Welt kämpfend, so kulturlos. Neugierig und darum inzwischen, nach alle den Kämpfen mit den westlichen Kulturen in mir und um mein Gewissen herum, erscheint inzwischen jeder Flügelschlag meines Geistes als Abnorm, doch kulturlos betrachtet ist es gar ferner der Norm, es ist ungenormt was ich da veranstalte und vor dessen Normierung ich mich fürchte und mein Gewissen, um endlich nicht mehr immer sich selbst verteidigen zu müssen, diese moralische Dame mit falschen Zähnen und dem guten Benehmen, sie will ruhen. Ein für alle mal. Beinahe habe ich schon Orientierung. Orientierungslose bin ich noch.
Einsamkeit
Ich möchte nur nicht einsam sein. Nur nicht einsam sein. Nicht einsam sein. Und wenn ich das gleich noch öfter aufschreibe, werde ich vergessen haben was es bedeutet – einsam sein. Ich weiß, sind wir alle. Ich weiß, dass nervt. Mich auch, manchmal noch. Einsamkeit ist schrecklich, kann gar schrecklich schön sein. Und jetzt bin ich an dem Punkt der Erklärungsnot angekommen … Ich weiß nicht ob Sie den Rilke, den Rainer Maria kennen – müssen Sie nicht. Jedenfalls konnte der mir einst den Zahn ziehen, als er in seinen Briefen an einen jungen Dichter davon sprach, dass der Mensch der Glücklichste werde, der mit seiner Einsamkeit zu leben lerne. Das hat mir damals zunächst nichts erklärt. Da war ich niemandem voraus und bin es sicher auch heute nicht. Ich saß unter Bäumen und las Rainer Marias Briefe an einen jungen Dichter. Nur war der Impuls darüber nachzudenken am Ende erschreckender Weise fruchtbar. Am Ende ist dort wo der Anfang ist.
Aus Angst vor Einsamkeit hüpfen drei Viertel der Menschheit in Beziehungsverhältnisse, die so oft nichts mehr sind als Zustände und mit Liebe so viel zu tun haben wie Rote Beete mit Wladimir Putin – wobei wer weiß. Und das übrige Viertel hüpft in die Kiste und bleibt dabei einsame Single.
Einsamkeit verursacht manchen offenbar Angst. Angst davor einsam zu sein. Erstens: wir sind nicht einsam. Zweitens: es ist egoistisch zu denken, man sei einsam. Drittens: es ist etwas anderes, wenn man denkt, dass man seine eigene Leere nicht füllen kann – dann braucht man einen Psychiater oder einen Klosteraufenthalt. Wer hingegen seine eigenen Bedürfnisse erfüllt bekommen möchte – aus einer passiven Lebenshaltung heraus, der wird irgendwann einsam sein, da stimme ich zu.
Und niemand der zu einem rückt, der einem den Schwanz reindrückt oder man ihr oder ihm oder in welcher Variation auch immer, erdrückt damit die Einsamkeit. Die bleibt. Und warum? Na erklären Sie mir mal, wie Sie Ihre wundervolle Individualität durch eine zweite Person aufheben wollen?